Ehrenamtliche lesen die weißen und roten Trauben der Ravensburger Rebgärten.

Ein schwieriges Weinjahr geht zu Ende.

Ein schwieriges Weinjahr geht zu Ende.

Es ist noch recht frisch, als am frühen Morgen elf Helferinnen und Helfer im kleinen Weinberg zur Lese der weißen Müller-Thurgau Trauben antreten. Alle wissen, dass ein schwieriges Weinjahr zu Ende geht und so versuchen die Ehrenamtlichen möglichst jede Traube mitzunehmen. Die gelben Eimer füllen sich schnell, immer wieder hört man das laute Geräusch der Abbeermaschine, die die Maische direkt in einen großen Plastiktank abtropfen lässt. Hans Kiderlen nimmt ein paar Trauben in die Hand, sucht eine schöne Beere heraus und legt sie in das Refraktometer, ein Messgerät zur Bestimmung des Zuckergehalts. „Etwa 65 Öchsle, das ist kein Spitzenwert, aber gut genug“, meint Kiderlen. Einige Trauben sehen kerngesund aus, bei anderen gilt es trockene oder faule Beeren herauszuschneiden.

Nach zwei Stunden ist Teil eins der Lese erledigt, der 1.000 Liter Tank zu etwa einem Drittel gefüllt. „Wie wird es wohl drüben im Rauenegg an der Schlierer Straße aussehen?“, fragt Linus Ermler in die Runde. Er ist schon im siebten Jahr dabei und weiß, dass wir in 2021 eine sehr ungünstige Wettersituation hatten. Viel Regen, zu wenig Sonne, oft zu kühl und zu nass. 

Ein kleines Vesper zwischendurch belohnt den Einsatz, dann geht es hinüber in den großen Weinberg, wo schon andere Ehrenamtliche warten. Inzwischen ist es 13.00 Uhr und damit der offizielle Lesebeginn für das Rauenegg. 64 fleißige Hände machen sich ans Werk und erfreulicherweise sieht man auch neue, junge Gesichter, die mit Begeisterung bei der Sache sind. Doch bald macht sich auch etwas Ernüchterung breit: es wird schnell klar, dass der Ertrag sehr viel kleiner ausfallen wird als im Vorjahr. Wie in vielen anderen Weinbergen, so hat auch bei uns in Ravensburg der Mehltau den Reben zugesetzt. Am Ende wird es zu etwa 35 Prozent eines normalen Traubenertrages reichen. „Das tut ein bisschen weh, steckt doch so viel Arbeit drin." Roland Uhl, ein Mann der ersten Stunde, weiß genau, was er da laut denkt.

Dann taucht ein Filmteam auf, das die Arbeit im Weinberg als Aufhänger für einen Film über das Hospiz Schussental, welches durch den Erlös des Weinverkaufs unterstützt wird, verwenden will. Als schließlich gegen 16:00 Uhr eine Drohne über den Köpfen einiger Ehrenamtlicher im Weinberg noch eine Filmsequenz aufnimmt, stellen andere unten schon Tische und Bänke auf. Der gemütliche Hock nach getaner Arbeit ist zum festen Bestandteil der Lese geworden, ein kleiner Lohn und dieses Mal auch etwas Seelenbalsam. „Wir können bestimmt wieder ein feines Produkt erzeugen, da bin ich mir sicher“, resümiert Hans Kiderlen. „Nächstes Jahr wird es bei Ertrag und Qualität wieder besser! Und bei den roten Trauben lassen wir uns in gut zwei Wochen einfach überraschen.“ 

  

Spätburgunder-Lese: Tolle Qualität, sehr geringe Quantität 

Auch die Lese der roten Spätburgunder Trauben würde schwierig werden. Dies hatte sich schon im Vorfeld angekündigt. Und so war es dann auch, als an einem Samstag Anfang Oktober die magere Lese – Ausbeute vieler Arbeitsstunden im Weinberg – eingefahren wurde. Knapp 30 Helferinnen und Helfer unter der Regie von Hans Kiderlen waren mit der Lese schnell fertig, so schnell wie noch nie; es gab in der Tat nur wenige Trauben, die in der Summe gerade einmal gut 100 Liter Traubenmost ergaben, also nur 20 % einer üblichen Ernte. Dennoch war die Lese sehr mühsam, weil viele Beeren einzeln herausgeschnitten werden mussten. Immerhin 90 Öchsle, also Zuckergehalt, konnte gemessen werden. Dies verleitete Hans Kiderlen zur Aussage: "Klein, aber durchaus fein!” Und weiter meinte Kiderlen, als die Helferinnen und Helfer noch beisammen saßen: “Die kalten Nächte haben für eine sehr gute Frucht gesorgt. Dies wird einen tiefgründigen Wein ergeben.” 

Meldungen wie: “Der regenreichste Sommer seit zehn Jahren” belegen in Ansätzen, warum sich 2021 in vielen Weinbergen der Falsche Mehltau rasant ausbreiten konnte und der Pilzbefall ein zentrales Problem darstellte.  “Wir lassen uns von all dem nicht entmutigen”, sagte Kiderlen abschließend zu seinen Ehrenamtlichen. “Wir lernen aus Fehlern, wir bleiben unserer sinnhaften Aufgabe, die Hospizstiftung Schussental zu unterstützen, weiterhin eng verbunden und wir werden als ein tolles Team auch künftig positiv nach vorne schauen. Nun machen wir das Beste aus dem, was wir haben!”. Hans Kiderlen glaubt fest daran, dass diese geringe Menge bestens taugt für einen tollen Rotwein, der dann eine Rarität darstellen wird.

Ein Kopfnicken geht durch die Reihen, die Zustimmung zu diesen Worten ist groß und der positive Geist der Gruppe ungebrochen. Auf ein Neues in 2022, es wird bestimmt ein gutes Jahr!

Text und Fotos: Johann Stroh

Weitere Informationen & Downloads

Schwäbische Zeitung Ravensburg-Weingarten, 28. September 2021: Ehrenamtliche lesen die weißen Trauben in Ravensburg

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